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Manifest 121

Erklärung über das Recht zum Ungehorsam im Algerienkrieg

(Manifest der 121)

Zur Unterstützung der Angeklagten und ihrer Verteidiger im bevorstehenden Militärgerichtsverfahren gegen Mitglieder des Réseau Jeanson unterschrieben 121 Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Journalisten und Hochschullehrer folgende Erklärung, die unter dem Namen «Manifest der 121» in die Geschichte eingegangen ist. Die Erklärung kursierte vom Sommer 1960 an als Flugblatt. Als Les Temps Modernes sie im August 1960 veröffentlichte, wurde diese Nummer sofort beschlagnahmt. In der folgenden Nummer erschienen unter der Überschrift der Erklärung zwei weiße Seiten mit den 121 Unterschriften der Erstunterzeichner. Keine andere Zeitung oder Zeitschrift wagte sie zu veröffentlichen. Die Unterzeichner wurden verhört, 30 von ihnen angeklagt, die Beamten ihrer Ämter enthoben, Schauspieler, Regisseure und Journalisten erhielten Berufsverbot.

Eine sehr wichtige Bewegung entwickelt sich in Frankreich, und es ist notwendig, daß die französische und internationale öffentliche Meinung besser darüber informiert ist in einem Moment, wo die neue Wendung des Algerienkriegs uns dazu führen muss, die Tiefe der Krise, die sich seit sechs Jahren aufgetan hat, nicht zu vergessen, sondern zu sehen.

Immer mehr Franzosen werden verfolgt, eingesperrt und verurteilt, weil sie sich geweigert haben, an diesem Krieg teilzunehmen, oder weil sie den algerischen Kämpfern Hilfe geleistet haben. Ihre Gründe bleiben im allgemeinen unverstanden, weil sie von ihren Gegnern entstellt, aber auch weil sie von denen, die ,die Pflicht hätten, sie zu verteidigen, verharmlost werden. Es reicht jedoch nicht aus zu sagen, das diesem Widerstand gegen die öffentliche Gewalt Achtung gebührt. Als Protest von Menschen, die in ihrer Ehre und in der richtigen Vorstellung, die sie sich von der Wahrheit machen, getroffen sind, hat er eine Bedeutung, die, die Umstände, unter denen er sich behauptet hat, überschreitet und die es wiederaufzugreifen gilt, was auch immer der Ausgang der Ereignisse sein mag.

Für die Algerier enthält der entweder mit militärischen oder mit diplomatischen Mitteln fortgeführte Kampf keinerlei Zweideutigkeit. Es ist ein nationaler Unabhängigkeitskrieg. Aber was ist er für die Franzosen? Es ist weder ein Krieg mit dem Ausland. Niemals ist das Territorium Frankreichs bedroht worden. Mehr noch: er wird gegen Menschen geführt, die der Staat als Franzosen zu betrachten vorgibt, obwohl sie gerade dafür kämpfen, daß sie es nicht mehr sind. Es reichte nicht einmal aus zu sagen, das es sich um einen Eroberungskrieg, einen obendrein von Rassismus begleiteten imperialistischen Krieg handelt. Etwas davon steckt in jedem Krieg, und die Mehrdeutigkeit bleibt.

In Wirklichkeit hat der Staat durch eine Entscheidung, die einen fundamentalen Missbrauch darstellte, zunächst alle Klassen von Staatsbürgern mobilisiert zu dem einzigen Zweck, etwas auszuführen, was er selbst als eine Polizeiaktion gegen eine unterdrückte Bevölkerung bezeichnete, die nur aus einem Streben nach elementarer Würde revoltiert hat, weil sie verlangt, endlich als unabhängiges Gemeinwesen anerkannt zu werden.

Weder ein Eroberungskrieg noch ein Krieg zur «nationalen Verteidigung», noch ein Bürgerkrieg ist der Algerienkrieg allmählich zu einer eigenen Aktion der Armee und einer Kaste geworden, die sich weigern, gegenüber einem Aufstand nachzugeben, obwohl selbst die zivile Gewalt, im Bewusstsein der allgemeinen Auflösung der Kolonialreiche, bereit zu sein scheint, dessen Sinn anzuerkennen.

Heute ist es hauptsächlich der Wille der Armee, der diesen kriminellen und absurden Kampf unterhält, und durch die politische Rolle, die einige ihrer hohen Repräsentanten sie spielen lassen, wobei sie manchmal offen und gewaltsam außerhalb jeder Legalität handeln und die Zwecke verraten, die, die Gesamtheit des Landes ihr anvertraut, kompromittiert diese Armee die ganze Nation und droht sie sogar zu pervertieren, indem sie die Staatsbürger unter ihrem Befehl zwingt, sich zu Komplizen einer aufwieglerischen oder erniedrigenden Aktion zu machen. Muss noch daran erinnert werden, daß der französische Militarismus fünfzehn Jahre nach der Zerstörung des Hitler-Regimes auf Grund der Erfordernisse eines solchen Krieges so weit gegangen ist, die Folter wiedereinzuführen und sie erneut zu einer Art Institution in Europa zu machen?

Unter diesen Bedingungen sind viele Franzosen dazu gekommen, den Sinn traditioneller Werte und Verpflichtungen in Frage zu stellen.

Was ist ziviler Gehorsam, wenn er unter bestimmten Umständen zu schändlicher Unterordnung wird? Gibt es nicht Fälle, wo die Weigerung zu dienen eine heilige Pflicht ist, wo «Verrat» die mutige Achtung des Wahren bedeutet ?,Und wenn sich die Armee nach dem Willen derer, die sie als Instrument rassistischer oder ideologischer Herrschaft benutzen, im Zustand offener oder latenter Revolte gegen die demokratischen Institutionen behauptet, gewinnt dann die Revolte gegen die Armee nicht einen neuen Sinn?

Die Gewissensfrage hat sich seit Beginn dieses Krieges gestellt. Da dieser sich hinzieht, ist es normal, daß sich die Gewissensfrage konkret durch immer zahlreichere Akte des Ungehorsams, der Fahnenflucht sowie des Schutzes und der Hilfe für die algerischen Freiheitskämpfer gelöst hat. Freie Bewegungen, die sich am Rand aller offiziellen Parteien, ohne ihre Hilfe und letztlich trotz ihrer Missbilligung entwickelt haben. Noch einmal: außerhalb der festgelegten Rahmen und Losungen ist durch ein spontanes Bewusstwerden ein Widerstand entstanden, der entsprechend einer neuen Situation Aktionsformen und Kampfmittel gesucht und erfunden hat, deren Sinn und wirkliche Forderungen nicht anzuerkennen sich die politischen Gruppierungen und meinungsbildenden Zeitungen verständigt haben, sei es aus Trägheit oder ideologischer Ängstlichkeit, sei es aus nationalistischen oder moralischen Vorurteilen.

In Erwägung dessen, daß sich jeder über Handlungen aussprechen darf, die man heute unmöglich als Faits divers individuellen Abenteurertums hinstellen kann; in Erwägung dessen, das die Unterzeichner selbst an ihrem Platz und nach ihren Mitteln die Pflicht haben, sich einzumischen, nicht um den Menschen, die sich angesichts so schwerwiegender Probleme persönlich zu entscheiden haben, Ratschläge zu geben, sondern um diejenigen, die über sie zu Gericht sitzen, zu bitten, sich nicht von der Zweideutigkeit der Wörter und der Werte einnehmen zu lassen, erklären sie:

Wir respektieren und halten für gerechtfertigt die Weigerung, gegen das algerische Volk zu den Waffen zu greifen.

Wir respektieren und halten für gerechtfertigt das Verhalten der Franzosen, die es als ihre Pflicht ansehen, im Namen des französischen Volks den unterdrückten Algeriern Hilfe und Schutz zu gewähren.

Die Sache des algerischen Volkes, das entscheidend zur Vernichtung des Kolonialsystems beiträgt, ist die Sache aller freien Menschen.

Arthur Adamov, Robert Antelme, Michel Arnaud, Georges Auclair, Jean Baby, Hélène Balfet, Marc Barbut, Robert Barrat, Simone de Beauvoir, Jean-Louis Bedouin, Marc Begbeider, Robert Benayoun, Yves Berger, Maurice Blanchot, Roger Blin, Dr. Bloch-Laroque, Arsene Bonnafous-Murat, Genevieve Bonnefoy, Raymond Borde, JeanLouis Bory, Jacques-Laurent Bost, Pierre Boulez, Vincent Bounoure, Andre Breton, Michel Butor, Guy Cabanel, Franccis Chatelet, Simone Collinet, Georges Condaminas, Michel Crouzet, Alain Cuny, Jean Czarnecki, Dr. Jean Dalsace, Hubert Damisch, Adrien Dax, Jean Delmas, Daniele Delorme, Solange Deyon, Jacques Doniol-Valcroze, Bernard Dort, Jean Douassot, Simone Dreyfus, Rene Dumont, Marguerite Duras, Francoise d'Eaubonne, Yves Elleouet, Dominique Eluard, Escaro, Charles Estienne, Jean-Louis Faure, Jean-Paul Faure, Dominique Fernandez, Jean Ferry, Louis-Rene des Forets, Dr. Theodore Fraenkel, Bernard Franck, Andre Frnaud, Jacques Gernet, Edouard Glissant, Georges Goldfayn, Christiane Gremillon, Anne Guerin, Daniel Guerin, Jacques Howiett, Udouard Jaguer, Pierre Jaouen, Gerard Jarlot, Robert Jaulin, Alain Joubert, Pierre Kast, Henri Krea, Serge Laforje, Robert Lagarde, Monique Lange, Claude Lanzmann, Robert Lapoujade, Henri Lefebvre, Gerard Legrand, Rene Leibowitz, Michel Leiris, Paul Levy, lerorne Lindon, Eric Losfeld, Robert Louzon, Olivier de Magny, Florence Malraux, Andre Mandouze,Maud Mannoni, Jacqueline Marchand, Jean Martin, Rene Marcel Martinet, Jean-Daniel Martinet, Andree Marty-Capgras, Dionys Mascolo, Francois Maspero, Andre Masson, Pierre de Massot, ManeTherese Maugis, Jean-Jacques Mayoux, Jehan Mayoux, Andree Michel, Theodore Monod, Mane Moscovici, Georges Mounin, Maurice Nadeau, Georges Navel, Claude Ollier, Jacques Panijel, Helene Parmelin, Marcel Feju, Jean-Claude Pichon, Jose Pierre, Andre Pieyre de Mandiargues, Roger Pigault, Edouard Pignon, Bernard Pingaud, Maurice Pons, J.-B. Pontalis, Jean Pouillon, Madeleine Reberioux, Paul Rebeyrolle, Denise Rene, Alain Resnais, Jean-Francois Revel, Paul Revel, Evelyne Rey, Alain Robbe-Grillet, Christiane Rochefort, Maxime Rodinson, Jacques-Francis Rolland, Alfred Rosmer, Gilbert Rouget, Claude Roy, Francoise Sagan, Marc Saint Saens, JeanJacques Salomon, Nathahe Sarraute, Jean-Paul Sartre, Rene Saurel, Claude Sautet, Catherine Sauvage, Lucien Scheler, Jean Schuster, Robert Scipion, Louis Seguin, Genevieve Serreau, Simone Signoret, Jean-Glaude Silbermann, daude Simon, Sine, Rene de Solien de la Souchere, Roger Tai1leu Laurent Terzjeff, Jean Thiercelin, PaulLouis Thirard, Tim, Andree Tournes, Genevieve Tremouille, Fransois Truffaut, Tristan Tzara, Vercors, J. -P. Vernant, Pierre Vidal-Naquet, J.-P. Vielfaure, Anne-Mane Je Vilaine, Charles Vildrac, daude Viseux, Francois Wahl, Ylipe, Rene Zazzo.

August 1960

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