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Das Verbrechen
Interview mit Le Nouvel Observateur vom 30. November 1966
Der englische Philosoph Bertrand Russell hat in London auf einer Pressekonferenz das «Internationale Tribunal» vorgestellt, das seine Initiative hin gegründet worden ist, um über das Verhalten amerikanischen Streitkräfte in Vietnam zu urteilen. Ich bin Mitglied dieses Tribunals. Ich erkläre hier, warum einfache Bürger das Recht haben, sich heute zu «Richtern» aufzuwerfen.
Man hat gesagt, das «Tribunal» Bertrand Russels könne nur eine Justizparodie sein , weil es sich aus parteiischen Persönlichkeiten, zusammensetze, die der amerikanischen Politik feindlich gesinnt sind und deren Urteil man im voraus kennt. Nach den Worten eines englischen Journalisten «wird es sein wie in <Alice im Wunderland>: zuerst kommt die Verurteilung, dann erst der Prozess».
Folgendes sind die Grenzen und der Sinn dessen, was unser «Tribunal» zu tun sich vornimmt: Es geht für uns nicht darum, darüber zu urteilen, ob die amerikanische Vietnampolitik verhängnisvoll ist was für die meisten von uns außer Zweifel steht-, sondern festzustellen , ob sie unter die Bestimmungen der internationalen Gesetzgebung über “Kriegsverbrechen” fällt.
Eine juristische Verurteilung des Kampfes des amerikanischen Imperialismus gegen die Länder der «Dritten Welt», die seiner Herrschaft zu entkommen versuchen, hätte keinen Sinn. Dieser Kampf ist nämlich nur die Verlagerung des Klassenkampfs auf die internationale Ebene, und er wird durch die Struktur der einander gegenüber stehenden Gruppen bestimmt. Die imperialistische Politik ist e notwendige historische Realität und entzieht sich aus diesem Grunde jeder juristischen oder moralischen Verurteilung. Man kann sie lediglich bekämpfen, sei es als Intellektueller, indem man ihren Mechanismus aufzeigt, sei es politisch, indem man versucht, sich ihr zu entziehen (Was die französische Regierung allem Anschein zum Trotz nicht wirklich tut), sei es durch den bewaffneten Kampf. Ich gebe zu, daß ich wie andere Mitglieder des «Tribunais» ein erklärter Gegner des 1mperialismus bin und mich mit all denen solidarisch fühle, die ihn bekämpfen. Und in dieser Hinsicht muß das Engagement total sein. Jeder sieht die Gesamtheit des Kampfs und stellt sich auf die eine oder die andere Seite, je nach den Beweggründen, die von seiner objektiven Situation bis hin zu einer bestimmten Vorstellung reichen, die er sich vom menschlichen Leben macht. Auf dieser Ebene kann man den Klassenfeind hassen. Aber man kann nicht über ihn urteilen im juristischen Sinn des Wortes. Es ist sogar schwierig, wenn nicht unmöglich, sofern man sich auf den rein realistischen Standpunkt des Klassenkampfs stellt, seine eignen Verbündeten in juristische Regeln einzuschließen und die von ihrer Regierung begangenen «Verbrechen» streng zu definieren. Das hat man beim Problem der stalinistischen Lager deutlich erlebt. Entweder urteilte man moralisch über sie, was völlig an der Frage vorbeiging, oder man begnügte sich damit, das «Positive» und das «Negative» an der Politik Stalins abzuwägen. Manche sagten: «Es ist das Positive, das überwiegt», andere meinten «Es ist das Negative.» Auch das war nicht der richtige Boden.
Wenn die Entwicklung der Geschichte nicht von Recht und Moral beherrscht wird - die im Gegenteil ihre Ergebnisse sind -, so haben diese beiden Überbauten doch eine «Rückwirkung» auf diese Entwicklung. Was es erlaubt, eine Gesellschaft nach den Kriterien zu beurteilen, die sie selbst aufgestellt hat. Es ist also völlig normal, sich in einem bestimmten Augenblick zu fragen, ob diese oder jene Aktion nicht über den Bereich des «Nützlichen» und des «Verhängnisvollen» hinausgeht und unter eine internationale Rechtsprechung fällt, die sich nach und nach konstituiert hat.
Marx schrieb in seinem Vorwort zum Kapital dem Sinne nach: Wir sind die letzten, die man beschuldigen könnte, die Bürger zu verdammen, denn wir sind der Meinung, das ihr Verhalten, bedingt durch den Prozess des Kapitals und den Klassenkampf, notwendig ist. Aber es kommt vor, das sie übertreiben.
Das ganze Problem ist, ob die Imperialisten heute übertreiben.
Wenn Talleyrand sagt: «Es ist mehr als ein Verbrechen, es ist ein Fehler» resümiert er sehr gut die Art und Weise, in der man im Laufe der Gesichte von jeher politische Aktionen betrachtet hat; sie mochten geschickt oder ungeschickt, nützlich oder verhängnisvoll sein: sie entgingen immer der juristischen Sanktion. Es gab keine “verbrecherische Politik”.
Und dann tauchte 1945 in Nürnberg zum erstenmal der Begriff des «politischen Verbrechens» auf. Gewiss war er suspekt, da es darum ging, das Gesetz des Siegers auf den Besiegten anzuwenden. Aber die Verurteilung der Führer Nazi-Deutschlands durch den Nürnberger Gerichtshof hatte nur dann einen Sinn, wenn sie bedeutete: jede Regierung, die in Zukunft Handlungen begeht, die nach dem einen oder anderen Artikel der Nürnberger Gesetze strafbar sind, hat sich vor einem analogen Gericht zu verantworten. Unser «Tribunal» nimmt sich heute lediglich vor, auf den kapitalistischen Imperialismus dessen eigene Gesetze anzuwenden. Das Arsenal der Rechtsprechung beschränkt sich im übrigen nicht auf die Nürnberger Gesetze; vorher hat es schon den Briand-Kellogg-Pakt gegeben, es gab die Genfer Konvention und andere internationale Vereinbarungen.
Noch einmal: es geht hier nicht darum, im Namen der Geschichte eine bestimmte Politik zu verurteilen, darüber zu befinden, ob sie den Interessen der Menschheit zuwiderläuft oder nicht, sondern festzustellen, ob sie unter die bestehenden Gesetze fällt. Man kann beispielsweise die augenblickliche Politik Frankreichs kritisieren, man kann sie völlig ablehnen, wie ich es tue, aber man kann sie nicht als «verbrecherisch» bezeichnen. Das hätte keinen Sinn. Während des Algerienkriegs dagegen konnte man es sehr wohl tun. Die Folterungen, die Umsiedlungslager, die Vergeltungsmaßnahmen gegenüber der Zivilbevölkerung, die Hinrichtungen ohne Urteil ließen sich mit bestimmten Verbrechen vergleichen, die in Nürnberg verurteilt worden waren. Hätte man damals ein «Tribunal» gebildet wie das, zu dem Bertrand Russell den Anstoß gab, dann hätte ich mich bestimmt daran beteiligt. Das man es damals Frankreich gegenüber nicht getan hat, ist noch kein Grund, es heute den Vereinigten Staaten gegenüber nicht zu tun.
Man wird Sie fragen, mit welchem Recht - da Sie sich ja auf das Recht berufen - Sie sich zu Richtern aufwerfen, wo Sie doch keine Richter sind...
In der Tat. Dann könnte ja, wird man sagen, jeder Beliebige über alles Beliebige urteilen Und läuft das Unternehmen außerdem nicht Gefahr, einerseits in kleinbürgerlichen Idealismus zu geraten, (eine gewisse Anzahl bekannter Persönlichkeiten erheben Protest im Namen höchster Werte), andererseits in den Faschismus, auf Grund eines Aspekts der Rache, der an Arsene Lupin und die ganze faschistische Literatur erinnerte?
Darauf antworte ich zunächst, das es nicht darum geht, irgend jemanden zu irgendeiner Strafe zu verurteilen. Jedes Urteil, das sich nicht vollstrecken lässt, ist offenkundig lächerlich. Ich sehe mich nicht Präsident Johnson zum Tode verurteilen. Ich würde mich bloß lächerlich machen.
Unser Ziel ist ein anderes. Es besteht darin, sämtliche über den Vietnamkrieg existierenden Dokumente zu prüfen, alle erreichbaren Zeugen - amerikanische und vietnamesische - kommen zu lassen und nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden, ob bestimmte Handlungen unter die Gesetze fallen, die ich erwähnt habe. Wir werden keine neue Gesetzgebung erfinden. Wir werden, falls wir zu einem Schuldspruch kommen, was ich vorläufig nicht entscheiden kann, lediglich sagen:
«Diese oder jene Taten, begangen an diesem und jenem Ort, stellen eine Verletzung dieser oder jener internationalen Gesetze dar und sind infolgedessen Verbrechen. Und das sind die Verantwortlichen. Und das würde sie, wenn ein richtiges internationales Gericht existierte, zum Beispiel auf Grund der in Nürnberg angewandten Gesetze dieser oder jener Strafe unterwerfen.» Es geht also in keiner Weise darum, die Missbilligung und Empörung einer Gruppe ehrenwerter Bürger zu bekunden, sondern darum, Handlungen der internationalen Politik eine juristische Dimension zu geben, um die Tendenz der meisten Leute zu bekämpfen, nur praktische oder moralische Urteile über das Verhalten einer sozialen Gruppe oder einer Regierung zu fällen.
Führt Sie das nicht dazu, einzuräumen das es eine verwerfliche Art gibt Krieg zu führen und eine andere ,die nicht verwerflich wäre?
Durchaus nicht Der Kampf des Imperialismus gegen bestimmte Völker der Dritten Welt ist eine Tatsache, die ich feststelle. Ich widersetze mich ihm mit all meinen Kräften, soweit es meine schwachen Mittel erlauben, aber es ist nicht an mir, zu sagen, ob es eine gute und eine schlechte Art gibt, ihn zu fuhren. In Wahrheit, auch wenn die friedfertigen, braven Menschen unserer Konsumgesellschaften es nicht sehen wollen, schlägt man sich überall, die Welt steht in Flammen, und wir können von einem Augenblick auf den andern einen Weltkrieg erleben. Ich habe in dem Kampf Partei zu ergreifen, aber ich habe ihn nicht zu humanisieren. Wir müssen nur herausfinden, ob es im Verlauf dieses Kampfes Leute gibt, die übertreiben, ob die imperialistische Politik unter die vom Imperialismus selbst aufgestellten Gesetze fällt.
Man kann sich natürlich fragen, ob es möglich ist, einen imperialistischen Unterdrückungskrieg zu führen, ohne die internationalen Gesetze zu verletzen. Aber das ist nicht unsere Sache. Als einfacher Bürger, als Philosoph, als Marxist habe ich das Recht, der Meinung zu sein, das diese Art Krieg immer zur Anwendung der Folter, zur Schaffung von Konzentrationslagern usw. führt. Als Mitglied des «Tribunals» von Bertrand Russell interessiert mich das nicht. Ich muss nur in Erfahrung zu bringen versuchen, ob Gesetze verletzt worden sind, um den juristischen Begriff des internationalen Verbrechens wieder einzuführen.
Wir müssen uns fragen, ob die Vorstellungen, auch wenn sie richtig sind, die wir von der Politik haben daß man sie realistisch beurteilen muss, daß sie von einem bestimmten Kräfteverhältnis geprägt ist, daß man das angestrebte Ziel im Auge behalten muss usw. , ob diese Vorstellungen uns notwendig dazu führen, wie es bei vielen Leuten zur Zeit Stalins der Fall war, die Politik nur unter dem Blickwinkel der Effizienz zu betrachten und eine passive Mitschuld auf sich zu laden, indem man die Handlungen einer Regierung nur unter dem praktischen Aspekt beurteilt. Hat ein politisches Faktum nicht auch eine ethisch-juristische Struktur?
Auf diesem Gebiet können unsere Urteile nicht im voraus abgegeben werden, auch nicht, wenn wir als Individuen im Kampf gegen den Imperialismus engagiert sind. Noch einmal: ich bekämpfe die Regierung de Gaulle mit meinem Stimmzettel, aber es käme mir nicht in den Sinn zu sagen, die gaullistische Politik sei verbrecherisch. Man kann bei der Affäre Ben Barka mit Entrüstung von einem Verbrechen sprechen, aber ich sehe nicht, welches Gesetz wir anwenden könnten, wenn wir die französische Regierung in dieser Sache verurteilen wollten. Völlig anders verhält es sich, wenn es darum geht, diese oder jene Kriegshandlung der Amerikaner in Vietnam, diesen oder jenen Bombenangriff, diese oder jene von höherer Stelle angeordnete Operation zu beurteilen. Ein wirkliches Gericht zu konstituieren und Strafen zu verhängen, wäre ein idealistisches Unternehmen. Aber wir haben das Recht, uns als Bürger zu versammeln, um dem Begriff des Kriegsverbrechens seine Kraft zurückzugeben, indem wir zeigen, das jede Politik objektiv nach den bestehenden juristischen Kriterien beurteilt werden kann und muss.
Wenn man bei einer Kundgebung ruft: Der Krieg in Vietnam ist ein Verbrechen!», dann handelt man emotional. Dieser Krieg widerspricht zwar den Interessen der überwältigenden Mehrheit der Menschen, ist er aber, juristisch gesprochen, verbrecherisch ? Genau das versuchen wir zu bestimmen, ohne im voraus sagen zu können, zu welchem Schluss wir gelangen werden.
Es gibt Fälle, in denen die Verletzung des internationalen Rechts in die Augen springt. Wenn die Regierung Südafrikas, die ein bloßes Mandat für Südwestafrika hat, sich weigert, einer Entschließung der Vereinten Nationen nachzukommen, die sie auffordert, dieses Territorium zu räumen, dann macht sie sich offen zu einem nach internationalem Recht Schuldigen. Jedermann erkennt es.
In Vietnam ist die Lage anders: es ereignen sich dort gewisse Dinge, die man beweisen kann: Unser Vorhaben ist, zu prüfen, ob sie unter ein Gesetz fallen oder nicht.
Gewisse Leute werden Ihnen vorwerfen, Sie zögen die Vietnamesen nicht ebenso wie die Amerikaner zur Verantwortung, und werden sagen, Kriegsverbrechen wurden auf beiden Seiten begangen.
Ich lehne es ab, das Vorgehen armer, gehetzter Bauern, die gezwungen sind, in ihren Reihen eiserne Disziplin walten zu lassen, gleichzusetzen mit einer gewaltigen Armee, die von einem überindustrialisierten Land mit zweihundert Millionen Einwohnern unterhalten wird. Und schließlich sind es nicht die Vietnamesen, die Amerika überfallen haben und eine Sintflut von Feuer auf ein fremdes Volk regnen lassen. Während des Algerienkriegs habe ich es immer abgelehnt, eine Parallele zu ziehen zwischen dem Bombenterror, der die einzige Waffe war, über die , die Algerier verfügten, und den Aktionen und Erpressungen einer reichen Armee von 500000 Mann, die das ganze Land besetzt hielt. In Vietnam ist es das gleiche.
Diese Möglichkeit, die sich Ihnen im Verlauf des «Prozesses» bietet, juristische Normen aufzuzeigen, die sich auf die Politik jeder Regierung anwenden lassen - kann sie zu einer größeren Aktion gegen die amerikanische Vietnampolitik fuhren?
Selbstverständlich. Aber das kann erst danach kommen. Ausgehend von den Ergebnissen unserer Untersuchung - falls diese zu einer Verurteilung führt - wird man Demonstrationen, Versammlungen, Protestmärsche, Unterschriftensammlungen organisieren können. Unsere erste Arbeit wird eine Informationsarbeit sein, und selbstverständlich werden unsere «Sitzungen» öffentlich sein.
Man hat uns kleinbürgerlichen Legalismus vorgeworfen. Das stimmt, und ich akzeptiere diesen Einwand. Aber wen wollen wir überzeugen? Die Klassen, die im Kampf gegen den Kapitalismus stehen und längst überzeugt sind («Verbrechen» oder nicht), daß man den Imperialismus bis zum Ende bekämpfen muss, oder die sehr breite Schicht des Mittelstands, die noch zögert? Es sind die kleinbürgerlichen Massen, die man heute wecken und aufrütteln muss, weil ihr Bündnis - selbst in der Innenpolitik - mit der Arbeiterklasse wünschenswert ist. Und gerade durch den Legalismus kann man ihnen die Augen öffnen. Es schadet übrigens auch nichts, wenn man den Arbeiterklassen, die sich allzu oft dazu hinreißen ließen, nur auf die Effizienz zu achten, in Erinnerung ruft, das jede historische Handlung eine ethisch-juristische Struktur hat. In der nachstalinistischen Periode, in der wir leben, ist es sehr wichtig, diese Struktur aufzuzeigen.
Wie erklären Sie sich, daß die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in Westdeutschland , England, Italien und Belgien zahlreicher und energischer waren als in Frankreich ?
In der Tat gibt es in Frankreich eine gewisse Dickfelligkeit des klein-bürgerlichen Bewusstseins und oft sogar des Bewusstseins der Arbeiter. Das kommt, glaube ich, daher, daß wir eben erst eine lange Periode von Kolonialkriegen hinter uns haben. Wir waren sehr lange «blockiert» in bezug auf die Probleme von internationaler Bedeutung, besonders die Probleme der Dritten Welt -, weil wir es waren, die Indochina und dann Algerien unterdrückten. Erinnern Sie sich, es war eine Zeit, da die ganze Welt sich um die Entwicklung der Atomwaffen Sorgen machte. Die Franzosen dagegen haben sich nie darum gekümmert. Sie haben nie begriffen, das ihr Land, das amerikanische Stützpunkte auf seinem Territorium hatte, im Fall eines Atomkriegs ebenso wie die andern vernichtet werden würde. Sie haben es nicht begriffen, weil ihre Aufmerksamkeit ständig von unseren Kolonialproblemen in Anspruch genommen war.
Es gibt noch einen anderen Grund für die Apathie der Franzosen Die Verwirrung, die de Gaulle zu stiften vermochte, indem er eine rein verbale Zusicherung der Unabhängigkeit für eine echt antiimperialistische Politik ausgab. Die Rede von Pnom Penh sind leere Worte, denn de Gaulle verurteilt zwar die amerikanische Politik, sucht jedoch im Innern nicht nach ökonomischen Mitteln, sich von der amerikanischen Vormundschaft zu lösen.
Aber die Tatsache, daß de Gaulle das einzige kapitalistische Staatsoberhaupt ist, das die Politik der Vereinigten Staaten anprangert, verschafft den Franzosen ein gutes Gewissen. Derselbe Staatsbürger, der als Gegner der Unabhängigkeit Algeriens nur zu glücklich darüber war, das ein verehrtes Staatsoberhaupt einem unmöglich zu gewinnenden Krieg ein Ende setzte, ist heute höchst zufrieden, das die entschiedenen Worte des großen Mannes, mit dem er sich identifiziert, seiner Passivität eine Rechtfertigung liefern: » Da de Gaulle sich in der Vietnamfrage so entschlossen zeigt, ist es unnötig, das ich mehr tue.»
Wenn die Linksparteien einig wären, müssten sie nachweisen, daß der gaullistische Ehrgeiz, Frankreich zu einem ernsthaften Gegner des amerikanischen Imperialismus zu machen, sinnlos ist, da er sich nicht auf eine Innenpolitik stützt, die imstande wäre, uns tatsächlich von der amerikanischen Umklammerung zu befreien.
Heute ist Frankreich nur eine aufsässige Sklavin, die der amerikanischen Ordnung unterworfen bleibt. Das Hauptquartier der NATO wird sich anderswo niederlassen, schön; aber die Amerikaner können, wo und wann sie wollen, französische Arbeiter arbeitslos machen und unsere Wirtschaft lahmlegen, allein schon dadurch, daß sie ihre Computer zurückziehen, sie können uns unter gewaltigen Druck setzen, gegen den wir machtlos sind.
Der erste Programmpunkt der Linken müsste sein, durch eine Politik der Prioritätsinvestitionen - zum großen Teil der öffentlichen Hand - die Überflutung mit amerikanischem Kapital zu bekämpfen. Das wäre äußerst schwierig, ich weiß, und Frankreich könnte es nicht allein zustande bringen. Es müsste sich des Gemeinsamen Marktes bedienen und seine Partner dazu bewegen, die gleiche Politik zu praktizieren. Auch sie sind zur Zeit von der amerikanischen Wirtschaftsmacht beherrscht, aber man könnte sich vorstellen, das gewisse Länder, Italien zum Beispiel, dazu zu bringen wären, ihre Haltung zu revidieren, wenn Frankreich eine Politik der echten wirtschaftlichen Unabhängigkeit betriebe.
Im Augenblick müssen wir noch darauf warten, daß sich die Linke vereinigt. Und ich sehe noch nicht, das der Graben zwischen den Anhängern und den Gegnern des Atlantikpakts verschwindet. Das Problem ist teilweise verdeckt, weil die Kommunisten für die Wahlen ein paar Kompromisse gemacht haben, aber es bleibt bestehen und fährt fort, die Linke zu lähmen. Wir haben ein vollendetes Beispiel dafür erlebt, als Guy Mollet im letzten Frühjahr einen Misstrauensantrag gegen die Außenpolitik der Regierung einbringen wollte. Die Kommunisten waren in Verlegenheit, weil gewisse Aspekte dieser Politik in ihrem Sinne sind, und sie sagten: «Verurteilen wir lieber die Gesamtheit der Regierungspolitik, um zu zeigen, das sie im Innern nicht befriedigender ist als nach außen. » Guy Mollet lehnte ab.
Meiner Meinung nach müsste die Opposition gegen den Atlantikpakt das Hauptkriterium einer Politik der Linken sein. Ich möchte sogar sagen, das der einzige gemeinsame Punkt zwischen der abstrakten Position de Gaulles und dem, was die Haltung der Linken sein müsste, die Forderung nach voller nationaler Souveränität ist. Einer Souveränität, die man zurückgewinnen muss, nicht um sie eifersüchtig zu verteidigen - man kann sich mit anderen, ebenfalls souveränen Staaten zusammentun und internationale Institutionen bilden, denen man gewisse Befugnisse abtritt -, sondern um sie dem amerikanischen Imperialismus entgegenzusetzen, der überall die nationalen Strukturen zerbricht.
Angenommen, die Linke wäre einig: was könnte sie im Fall Vietnam wirksames tun?
Sie könnte zuerst die öffentliche Meinung mobilisieren. Das ist nicht leicht, aber es gibt Länder, in denen es gelungen ist. In Frankreich wäre ein Streik von gewissem Umfang, der auf Grund wirtschaftlicher Forderungen ausgelöst würde, dessen wahrer Grund jedoch die Opposition gegen die amerikanische Vietnampolitik wäre, undenkbar. In Japan - ich war soeben dort - gab es am 21Oktober einen Generalstreik «gegen den amerikanischen Imperialismus». Ich behaupte nicht, das er ein voller Erfolg gewesen war, aber er hat stattfinden können.
Die Franzosen sind zwar auch «gegen» den Vietnamkrieg, aber sie fühlen sich nicht betroffen. Sie wissen nicht, das sie Gefahr laufen, durch die Ausweitung eines Krieges, der nur die Amerikaner interessiert, in einen weltweiten Konflikthineingezogen zu werden. De Gaulle dagegen weiß es. Ich war sehr erstaunt über die Reaktion der Japaner auf seine Rede von Pnom Penh. Sie sagten: «De Gaulle hat Angst gehabt.» Damit meinten sie, er habe plötzlich die Gefahr ermessen, das sein Land für etwas, was es nichts angeht, zerstört werden könnte. Es war tatsächlich eine Rede der Angst und in dieser Hinsicht eine gute Rede. Aber ein bloßer Alarmruf hilft nicht viel. Wir müssen heute unseren Kampf in der Perspektive einer dauerhaften amerikanischen Hegemonie konzipieren. Die Welt wird nicht von zwei Großmächten beherrscht, sondern von einer einzigen. Und die friedliche Koexistenz kommt den Amerikanern zugute. Dank der friedlichen Koexistenz und dem chinesisch-sowjetischen Konflikt wobei dieser zum großen Teil auf jene zurückzuführen ist - können die Amerikaner Vietnam in aller Ruhe bombardieren. Unbestreitbar hat das sozialistische Lager durch die Rivalitäten, die es spalten, und die von Chruschtschow begonnene Politik einen Rückschlag erlitten. So daß die Amerikaner heute freie Hand zu haben glauben und Präsident Johnson kürzlich in einer Rede verlauten ließ, er werde den Chinesen nicht gestatten, ihre atomare Aufrüstung über einen gewissen Punkt hinaus zu entwickeln. Diese bestürzende Lind zynische Drohung hätte nicht ausgesprochen werden können, wenn Johnson mit Sicherheit gewusst hätte, das die Sowjetunion China zu Hilfe käme.
Diese augenblickliche Hegemonie der Vereinigten Staaten schließt indessen eine gewisse Verwundbarkeit nicht aus. Anstatt einer direkten Konfrontation mit dem sozialistischen Lager - das tief gespalten ist - kann die Lösung von einem Überdruss der amerikanischen Massen und einer Beunruhigung der führenden Kräfte Washingtons angesichts der wachsenden Missbilligung der ganzen Welt und besonders aller ihrer Verbündeten kommen.
Glauben Sie, daß Gesten wie die des jungen Amerikaners David Mitchell, der sich unter Berufung auf die Nürnberger Gesetze geweigert hat, in Vietnam Kriegsdienst zu leisten, dazu beigetragen, können das Gewissen der Amerikaner aufzurütteln?
Gerade aus der Geste von David Mitchell und einigen andern ist die Idee unseres «Tribunals» entstanden. Unsere Untersuchung, wenn sie auf die Schuld der Vereinigten Staaten erkennt, muss allen jungen Amerikanern, die Johnsons Politik bekämpfen, erlauben, sich nicht nur auf die Nürnberger Gesetze zu berufen, sondern auch auf das Urteil einer gewissen Anzahl freier Menschen, die keine Macht und keine Partei repräsentieren. Es ist viel besser, daß wir gar nichts repräsentieren. Was die Urteile von Nürnberg in den Augen der Neonazis entwertet, ist die Tatsache, daß sie von Siegern gefällt wurden, deren Recht sich auf die Gewalt stützte. Wir dagegen sind keine Vertreter irgendeiner Macht, und niemand wird sagen können, das wir unser Gesetz Menschen aufzwingen, die wir unter unserem Stiefel haben. Wir sind unabhängig, weil wir schwach sind. Und unsere Position ist stark, weil wir nicht darauf aus sind, eine Handvoll Leute ins Gefängnis zu schicken, sondern weil wir in einem unseligen Augenblick unserer Geschichte der öffentlichen Meinung wieder vor Augen führen wollen, daß es objektiv und juristisch verbrecherische Arten der Politik geben kann.
30. November 1966
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